Aus dem Vorwort

 
Buch

Wilfried Gerke
„... wie ein schön Zweiglein“

Das Leben der Anna Margaretha von Diepholz
(Veröffentlichungen des Stadtarchivs Diepholz, Band 19)
80 Seiten, 39 überwiegend farb. Abb., Pb., 7,50 Euro
ISBN 978-3-89728-127-1

  

Vorwort

EIN GESCHLECHT GEHT AB
DAS ANDER AN
EIN JEDER MEINT
ER SEI DER HAHN
BALD KOMMT DER TOD
SCHNEID AB DEN KAMM
ALSBALD VERGEHT BEIDS
STAMM UND NAM
Butzbach, Haus Griedeler Straße Nr. 21,
Inschrift von 1623

Gräfin Anna Margaretha von Diepholz, verheiratete Landgräfin von Hessen-Butzbach (1580–1629), ist in den kleinen Städten zwischen Bremen und Osnabruck und zwischen Frankfurt am Main und dem Vogelsberg manchen namentlich bekannt.

Aber sonst weiß die Bevölkerung wenig uber diese Furstin, die vor vier Jahrhunderten lebte, zumal sie stets im Schatten der Männer stand. Dieses geringe Wissen war vor 90 Jahren auf einem ähnlichen Stand, so dass ihr Biograf Wilhelm Kinghorst schrieb: „Wahrscheinlich ist der Verfasser dieses Aufsatzes der erste und bisher einzige ihrer Landsleute, der – fast 300 Jahre nach ihrem Hinscheiden – in ihre Gruft hinabgestiegen ist und an ihrem Sarge gestanden hat.“ Seitdem sind mehrfach Diepholzer nach Butzbach gefahren und haben Kirche und Gruft aufgesucht. Die fundierte Veröffentlichung Wilhelm Kinghorsts in mehreren Heimatblättern fur die Grafschaft Diepholz von 1925 ist fast allen Interessierten nur noch uber heimische Archive und den auswärtigen Leihverkehr greifbar, so dass eine Überarbeitung der Forschungsergebnisse und eine neue, intensivierte Darstellung sinnvoll erscheint.

Die Frage heute ist, wie eine Adlige in den Jahrzehnten um 1600 unter Umständen lebte, die sie nur wenig beeinflussen konnte. Wir werden sehen, welche immense Bedeutung soziale Netzwerke wie Verwandtschaft, Lehensbeziehungen und Ehe spielten. Sicherlich haben viele weniger geschutzte Frauen in der Zeit der Hexenverfolgung, der Glaubenskriege und der Kolonialisierung ein erheblich schwereres Schicksal durchlitten, doch können wir als heutige Leserinnen und Leser nicht anders, als uns der mindestens drei Jahrzehnte lang nach einer Heimat suchenden Anna Margaretha innerlich zu nähern. Sie war zwischen 1595 und 1630 eine in ihrem Lebensbereich geachtete und beliebte Frau.

Ihr gerecht zu werden ist schwierig. Zu sehr sind wir angewiesen auf amtliche Quellen, Vereinbarungen, Verträge, Pläne und Mitteilungen, die uberwiegend die Positionen von Männern aus dem Hochadel und ihrer Beamten widerspiegeln. Sie sind wenig emotional und lieben die formelhafte Sprache. Persönliche Schriftstucke aus den Händen der Landgräfin sind bis auf eins vom 9. Mai 1619 nicht erhalten. In diesem Brief grußt sie ihren Schwager und seine „herzlieben Kinder“ aufs freundlichste und empfiehlt sie Gottes gnädiger Bewahrung.

Wir sind zusätzlich auf eine zweite Quellengruppe angewiesen, die Predigten der Pastoren, besonders die des Hofpredigers aus Anlass des Todes der Landgräfin. Doch die protestantischen Leichenpredigten heben erwunschte Zuge der Verstorbenen wie die gute Behandlung der Untertanen verallgemeinernd hervor und schließen negative aus (lateinisch „de mortuis nil nisi bene“, „uber die Verstorbenen nur Gutes“). Andererseits enthalten sie narrative Elemente in Form von Episoden aus dem Leben der Geehrten. Selbstverständlich sind die gedruckten Wurdigungen anzuerkennen als rhetorische Leistungen und als devote Äußerungen der geistlichen Bediensteten im Interesse des Landesherrn und der Kirche, die die Verstorbene als Vorbild fur den Glauben der Untertanen idealisierten.

Wir können uns Anna Margaretha nur bescheiden annähern, indem wir auch den Geist ihrer Zeit, der späten Renaissance, zu erfassen versuchen. Der Name wurde unterschiedlich geschrieben. „Anna Margaretha“ war wohl die offizielle Fassung, im Alltagsgebrauch war der zweite Name eher „Margarethe“ oder „Margrethe“. Heute verzichtet das gleichnamige Seniorenheim in Diepholz modernisierend auf das h.

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Letzte Änderung: 30.06.2020 · webmaster